Nicht nur Wortspiele

Interview mit Talita Rhein

Talita Rheins ist Brettspieldesignerin aus Berlin. Ihr Kickstarter Dogo Dash endet morgen, wahrscheinlich hat sie gerade also mehr als genug um die Ohren.

Deshalb freue ich mich sehr, dass sie sich trotzdem die Zeit genommen hat, sich mit mir für ein kleines digitales Interview zusammenzusetzen, mir Dogo Dash auf Tabletopia vorzustellen und meine neugierigen Fragen zu beantworten.

Dogo Dash ist ein schnelles, lustiges Kartenspiel mit tollem Artwork. Aber Talita selbst kann das viel besser erklären, als ich.

Hallo Talita und noch einmal vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, mit mir zu reden.

Hallo Benja und vielen Dank für deine Einladung. Ich bin sehr gespannt.

Fangen wir doch mal mit dir an: Wer bist du und was sollten meine Leserinnen über dich wissen?

Ich bin Talita, ich komme aus Brasilien und wohne seit zwei Jahren in Berlin. Und ich habe mein erstes Spiel Dogo Dash erfunden. Natürlich bin ich auch selbst Brettspielerin, aber bis Dogo Dash habe ich noch kein Spiel selbst entworfen.

Aber ich bin eine Person, die Herausforderungen mag, deshalb passt das Designen eines Spiels natürlich sehr gut zu mir.

Dabei habe ich mit vielen tollen Leuten gearbeitet, die mich beraten und unterstützt haben. Zum Beispiel Johanna Janiszewski, die den Mini Game Jam in Berlin organisiert und schon selbst digitale Spiele veröffentlicht hat.

Auch Margherita Barrera hat viel beigetragen, nicht nur das sehr markante Design des Spiels, sondern auch darüber hinaus viel Hilfe. Sie war bei fast allen Tests dabei und hat, vor der Pandemie, mit mir zusammen Events für das Spiel organisiert.

Dogo Dash ist mir sehr wichtig, weil es ein Spiel über mich ist und über die Dinge, die ich mag.

Wann hast du denn den ersten Prototyp für das Spiel erstellt?

Ich habe den ersten Prototyp beim Mini Game Jam von Johanna erstellt. Den habe ich aus Blanko-Karten gebastelt, 25 oder 28 Karten hatte das Spiel damals. Das war im Sommer 2018.

Bei der zweiten Version war das Spiel bereits auf 50 Karten gewachsen. Im Juni 2019 kam dann endlich Margherita dazu und ich konnte die ersten Karten mit ihren Bildern drucken.

Die Entwicklungszeit war also sehr lang. Dogo Dash ist so simpel, da sollte man denken, es gehe schnell, so ein Spiel zu designen. Aber das ist nicht so.

Ist das Grundprinzip seit dem ersten Prototyp gleichgeblieben oder gab es Dinge, die sich radikal geändert haben?

Schon die erste Version hatte viel von dem, was Dogo Dash ausmacht. Karten-Charaktere, wie beispielsweise Good Boy, gab es damals schon und auch Kartenkombinationen, wie Catnip. Hauptsächlich das Balancing, also die Verteilung der Karten, habe ich verändert.

Wie lief denn dieser Game Jam ab, bei dem du auf die Idee gekommen bist?

Der Berlin Mini Game Jam ist immer sehr entspannt. Es gibt immer drei sehr lustige Themen zur Auswahl, man muss sich aber nicht unbedingt daran halten.

Ich war erst gar nicht sicher, was ich da überhaupt machen soll, weil ich nicht programmieren kann. Aber dann sagten sie mir, dass ich auch ein Brettspiel designen kann. Sie hatten dafür viele Materialien da. So konnte ich mich darauf konzentrieren, einfach irgendein Spiel zu machen.

Ich habe dann zuerst über die Mechanik nachgedacht, das Thema kam erst danach.

Welche Spiele hast du als Inspiration für die Mechanik benutzt?

In Brasilien spielt man viel mit normalen Spielkarten, zum Beispiel in der Familie und in der Schule. Damit spielt man sehr laute, sehr interaktive Trick-Taking-Spiele. Daran habe ich mich orientiert. Ich wollte es aber mit einer sehr einfachen Mechanik verbinden, die ich gut kenne. Deshalb habe ich „Stein, Schere, Papier“ als Basis genommen. Durch das Trick-Taking kommen interessante strategische Elemente zum einfachen Grundspiel dazu.

Kannst du uns ganz kurz die Regeln zum Spiel erklären?

Gerne. Jede von uns hat vier Karten auf der Hand und wir suchen je eine davon aus, die wir dann verdeckt in die Mitte legen. Wir decken sie gleichzeitig auf und die stärkere Karte gewinnt die Runde. Bei einem Unentschieden spielen wir einfach nochmal je eine Karte, ohne vorher neue Karten zu ziehen. Das machen wir, bis es eine Gewinnerin gibt oder wir keine Karten mehr auf der Hand haben. Die Gewinnerin bekommt alle ausgespielten Karten. Wenn wir keine Karten mehr haben und es trotzdem keine Siegerin gibt, teilen wir den Stich.

Erst danach füllen wir unsere Hände auf vier Karten auf.

Die Hierarchie der Karten ist ganz einfach: Hund gewinnt gegen Katze. Bär gewinnt gegen Hund und Katze. Cookie, der Mensch, gewinnt gegen Hund und Bär, verliert aber gegen Katzen.

Außerdem gibt es noch die Good-Boy-Karte, wenn die gespielt wird, gibt es automatisch ein Unentschieden.

Und dann ist da noch die Catnip-Combo: Wenn du vier Katzen auf der Hand hast, kannst du „Catnip“ verkünden. Dann bekommst du deine vier Katzen als Punkte, die anderen Spielerinnen spielen ganz normal weiter.

Achja, ganz wichtig: Zum Aufdecken der Karte am Anfang rufen wir alle „Dogo Dash!“

Was ist deine Zielgruppe für das Spiel?

Zuerst habe ich da nur an mich gedacht: Welches Spiel würde ich gerne spielen? Und das trifft dann natürlich auch auf alle anderen Leute mit ähnlichem Spielgeschmack zu: Ich mag schnell Spiele, bunte Farben, vielfältige Charaktere. Viel Interaktion, dafür eher nichts Anstrengendes.

Wir sagen immer: Dogo Dash ist für alle, von Kindern bis zu Betrunkenen. Bei Kindern und Teenagern kam das Spiel immer gut an, ich habe es in Berlin an einigen Schulen getestet. Das war immer super: sehr kompetitiv und sehr laut.

Welche Anzahl an Spielerinnen ist denn optimal für das Spiel?

Am liebsten ist es mir mit drei oder vier Personen. Dann hat man mehr Interaktion als zu zweit und nicht ganz so viel Chaos wie mit fünf Spielerinnen.

Außerdem bin ich sehr extrovertiert, deshalb habe ich beim Spielen gerne viele Leute um mich.

Du hattest auch einen Stand bei der Spiel.digital, richtig? Wie war es dort?

Ja genau, ich hatte dort einen Stand. Das war auch eine sehr coole Erfahrung, ich habe viele andere Autor*innen kennengelernt. Ich war ein wenig enttäuscht, dass ich dort recht wenig Aufmerksamkeit bekommen habe, ich hatte mit mehr Leuten gerechnet. Aber meine Seite dort darf ich bis zum Ende des Jahres behalten. Das Profil ist also noch online und ich kann mich mit Publishern connecten.

Meine Hoffnung war eigentlich, Kontakte ins Ausland zu knüpfen, um Dogo Dash günstiger dorthin verschicken zu können. Wenn ich das Spiel einzeln verschicke, wird das nämlich sehr teuer. 20€ Shipping für ein so kleines Spiel ist einfach zu viel. Ich will, dass sich möglichst viele, das Spiel leisten können.

Wie sehr ändert denn Tabletopia das Spielgefühl im Vergleich zum physischen Spiel?

Es fehlt natürlich das Gefühl, echte Karten in der Hand zu haben. Die Tests waren dann auch immer viel lauter. Die In-Your-Face-Momente sind live einfach besser. Bei Tabletopia klickt man einfach nur. Aber es ist trotzdem noch sehr entspannt und auch lustig.

Klingt lustig! Und vor allem sieht es richtig schick aus! Wie hast du denn Margherita Barrera, die tolle Künstlerin der Karten, kennengelernt?

Ich bin in einem Queer-Forum von Reddit auf sie gestoßen. Dort habe ich nach jemandem für das Artwork von Dogo Dash gesucht. Mit ihr hatte ich sofort eine super Verbindung und wir sind jetzt auch befreundet.

Wie bist du beim Grafikdesign denn vorgegangen? Hast du da klare Anweisungen gegeben oder der Künstlerin freie Hand gelassen?

Es war so eine Mischung. Ich habe ihr meine eigenen Skizzen geschickt und Fotos von Personen, die mich inspiriert haben. Aber Margherita denkt sehr ähnlich wie ich und hat immer auch von sich selbst ganz tolle Bilder gezeichnet und viele Ideen eingebracht. Das war eine gute Kombination.

Ein wenig Spaß haben wir uns auch gegönnt und einige kleine Easter-Eggs in den Designs versteckt, die wahrscheinlich nur wir verstehen.

Gibt es dazu irgendeine Anekdote, von der du erzählen willst?

Wir waren einmal für einen Test in einer Kneipe und da war eine Person, die hat Bier auf die Karten geschüttet. Die Karten hatten ziemlich gute Qualität und man hat den Schaden kaum gesehen.

Wir haben uns bei Tests dann manchmal den Spaß gemacht, diese Karten zu benutzen und so zu tun, als hätten wir eine telepathische Verbindung und könnten immer die Karte der anderen erraten. Dabei haben wir einfach nur die kleinen Bierflecken erkannt.

Und manchmal haben wir uns mit den Karten Tarot gelegt.

Dogo Dash hat ja ein sehr diverses Kartendesign. Es gibt viele queere Charaktere, unterschiedliche Hautfarben, ausgewogene Geschlechterverhältnisse. Hast du denn einen Tipp an Designerinnen und Verlegerinnen, die das auch gerne hätten, aber nicht so genau wissen, wie man das erreicht?

Das Wichtigste ist immer, nachzufragen. Auch bei mir ging das nicht von selbst, auch mein Gehirn ist durch unsere Gesellschaft geprägt. In meinem ersten Prototyp mit elf verschiedenen Zeichnungen gab es keine Person of Color. Ich hatte das einfach nicht bemerkt. Erst beim Spielen mit dem Prototyp ist es mir dann aufgefallen. Mein Fokus lag so auf der Repräsentation von LGBTQ, dass ich diesen anderen Faktor vergessen habe. Und das, obwohl ich selbst Person of Color bin.

Ich habe andere Entwicklerinnen gefragt, wie sie das normalerweise machen. Zusammengefasst kann man sagen: Man bewusst daran denken. Vielfältigkeit ist leider einfach nicht selbstverständlich in unserer Gesellschaft und in unserem Denken.

Wir haben Codes, die in unseren Gehirnen stecken, gegen die wir ankämpfen müssen. Wir müssen uns immer wieder informieren und mit den Leuten sprechen und Fragen stellen.

Respektvoller Umgang mit dem Thema ist wichtig, damit die Charaktere nicht zu einem Witz über die Gruppen werden, die man eigentlich repräsentieren will. Wenn man nicht sicher ist, wie man Repräsentation respektvoll machen kann, muss man nachfragen. Leute kennenlernen.

Das geht alles auch nicht von einem Tag auf den anderen. Auch bei mir hat das viele Gespräche gebraucht. Ich bin da allen meinen Freund*innen sehr dankbar, die mir geholfen haben.

Ich kenne mich noch nicht so gut mit der deutschen Branche aus, aber die Brettspielszene kommt mir da manchmal sehr geschlossen vor, vielleicht sollte man ein wenig mehr auch darauf achten, was außerhalb passiert. Außerhalb der Branche oder auch außerhalb Deutschlands.

In Brasilien zum Beispiel gibt es gerade eine sehr starke Bewegung zur Unterstützung von Indie-Entwickler*innen. Dabei entstehen nicht immer tatsächlich veröffentlichte Spiele, aber es wird sehr viel experimentiert.

Hast du denn in der Brettspielszene irgendwelche komischen Erfahrungen gemacht?

Wenn ich auf Messen war, um mein Spiel vorzustellen, und mein Mann war dabei, dann wurde oft er zuerst angesprochen, wenn Leute sich für das Spiel interessierten. Obwohl ich ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Ask me about my Game“ anhatte.

Und bei allen Testveranstaltungen, die ich so besucht habe, war ich normalerweise die einzige anwesende Frau. Da fragt man sich schon, warum das so ist. Die Leute waren aber alle extrem nett und cool. Da habe ich vor allem sehr positive Erfahrungen gemacht.

Hast du denn ein Lieblingsspiel?

Ich spiele viele verschiedene Brettspiele. Aktuell gefällt mir der noch unveröffentlichte Prototyp eines Freundes sehr gut, der heißt „Black Power“. Bei den ganz klassischen Spielen bin ich großer Fan von „Schiffe versenken“. Daraus würde ich auch gerne mal noch ein neues, eigenes Spiel machen.

Eine wichtige Frage habe ich noch zum Abschluss: Bist du eher Dog-Person oder Cat-Person?

Ich würde sagen, ich bin eine Pet-Person, ich mag alle Haustiere. Ich mag Katzen, habe aber noch nie selbst eine gehabt. Hunde hatte ich dagegen schon immer.

Damit kommen wir zum Ende des Interviews. Gibt es da noch etwas, was du meinen Leserinnen erzählen willst?

Ja: Entwickelt Spiele! Die müssen gar nicht veröffentlicht werden, aber das Nachdenken darüber und die Erfahrung des Testens und des Feedbacks ist sehr wertvoll.

Und für den Start habe ich auch noch einen Tipp: Game Jams. Da kann man sich ganz auf die Umsetzung konzentriere.

Und damit bedanke ich mich ganz herzlich bei dir für das sehr schöne Gespräch. Viel Erfolg mit deinem Spiel Dogo Dash!
Und für meine Leserinnen habe ich hier zum Abschluss noch die Links zu Dogo Dash und Talitas Kanälen:

Dogo Dash Kickstarter
Dogo Dash bei Tabletopia
Dogo Dash Print and Play
Talita bei Twitter

Fotocredits für Profilbild von Talita: Sascha Bachmann

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