Nicht nur Wortspiele

Lasst die Spiele beginnen

Es gibt keinen besseren Zeitpunkt, um mit diesem Blog zu starten.

Die Messe-Saison steht bevor, die neuen europäischen Datenschutzverordnungen verjagen die Konkurrenz aus dem Netz und dann wurden auch noch die Nominierungslisten für das Spiel des Jahres veröffentlicht – begleitet von vielen Beschwerden aus der Spiele-Szene.

Das allgemeine Verdikt: Die Nominierten für das Spiel des Jahres (The Mind, Luxor, Azul) sind ja ok, aber was hat es bitte mit den obskuren Nominierungen auf der Expertenspielliste (Die Quacksalber von Quedlinburg, Ganz Schön Clever und Heaven & Ale) auf sich? Ich muss zugeben: Bis zur Nominierung war mir nur Heaven & Ale ein Begriff.

Falls du jetzt aber erwartest, dass ich in die allgemeinen Lamentationen über den Untergang der Spielebranche einstimme, muss ich dich enttäuschen. Ich hätte zwar auch gerne ein paar andere Spiele auf den Nominierten- und den Empfehlungslisten gesehen. Aber ich gehöre nicht wirklich zur Zielgruppe von Spiel des Jahres. Genausowenig wie du, wahrscheinlich.

Spannender als die Nominierungen selbst fand ich deshalb den Kommentar des Jury-Vorsitzenden Tom Felber zu den Nominierungen. Und insbesondere den folgenden Abschnitt:

“Leider verstärkt sich der Eindruck, dass immer mehr auch sehr gute Spiele mit der heißen Nadel auf den letzten Drücker auf einen Veröffentlichungstermin hin gestrickt werden müssen, ohne dass der Verständlichkeit und Vollständigkeit der Spielregeln genügend Beachtung geschenkt worden ist. Wir haben wohl noch nie so viele an und für sich wirklich gute Spiele aussortiert wie in diesem Jahr, weil einfach ihre Spielregeln nicht die von uns geforderte Qualität erfüllten. In der Rolle von Beta-Testern für Spielregeln, die dann erst für eine zweite Auflage von den Verlagen passend gemacht werden, wollen wir Jurymitglieder uns einfach nicht mehr sehen.”

Mir wird wohl niemand widersprechen, wenn ich seiner Aussage mit ganzem Herzen zustimme (naja, zumindest seiner ganzen Aussage bis auf das kulturpessimistische Früher-waren-alle-Spielregeln-noch-besser).

Auch ich will keine unfreiwillige Beta-Testerin für Anleitungen sein. Ich verzichte gerne darauf, den Spieleabend immer wieder zu unterbrechen, um FAQs und Forendiskussionen zu lesen. Und ich erwarte von Anleitungen, dass sie mir Lust aufs Spielen machen, statt mich davon abzuschrecken.

Was eine Anleitung gut macht

Spielregeln müssen keine literarischen Meisterwerke der Unterhaltung sein. Das fordert niemand. Aber im Gegensatz zu Gebrauchsanweisungen für Waschmaschinen werden Spielanleitungen tatsächlich gelesen – deshalb sollten sie zumindest ihren Job richtig erfüllen.

Ein paar Dinge sind mir in Spielanleitungen besonders wichtig.

  • Verständlichkeit: Für alle, die sich professionell mit Texten beschäftigen, sollte das eine Selbstverständlichkeit sein. Wenn die Sätze schön strukturiert und die Worte gut gewählt sind, liest sich der Text schneller und angenehmer.
  • Übersichtlichkeit: Auch wenn die Anleitung nur 8 Seiten hat, wünsche ich mir ein Inhaltsverzeichnis oder irgendeine andere Möglichkeit, um schnell – auch während dem Spielen – wichtige Infos nachzuschlagen.
  • Eindeutigkeit: Wörter und Sätze können mehrere Bedeutungen haben. Das ist toll, wenn man schlechte Wortspiele machen will, aber ziemlich blöde, wenn es in einer Spielanleitung passiert.
  • Beispiele, Beispiele, Beispiele: Ja, man trifft tatsächlich gelegentlich auf Spielregeln ohne Beispiele. Aber selbst wenn es sie gibt, werden oft nicht alle relevanten Fälle abgedeckt.
  • Immersion: Beim Spielen will ich meistens der Realität entfliehen und in eine andere Welt eintauchen. Das geht besser, wenn auch die Regeln schon das Theme vermitteln.
  • Mach es kurz: Ich weiß, ich weiß, das klang bisher so, als müsste jede Anleitung so dick sein wie ein durchschnittlicher Roman. Aber die Kunst ist natürlich, es trotzdem so kurz wie möglich zu halten. Wir wollen schließlich schnell mit dem Spielen loslegen.
  • Spiellust wecken: Ja, verdammt, das geht schon in der Anleitung los. An den Texten merkt man, wie viel Leidenschaft hinter dem Projekt steckt, wie durchdacht das Spielprinzip ist und wie viel Mühe sich die Entwicklerinnen gemacht haben.

Diesen Punkten werde ich in den kommenden Wochen noch jeweils einen einzelnen Artikel widmen und mich ausführlicher darüber auslassen.

Aber den Eröffnungsartikel meines Blogs möchte ich auf einer positiven Note beenden.

Quasi meine eigene kleine Preisverleihung.

3 lesenswerte Spielregeln

Mysterium

Die Anleitung von Mysterium ist extrem liebevoll. Besonders toll: Die Komponentenübersicht gibt bei jeder Komponente die Seitenzahl an, auf der man mehr Informationen dazu findet. Warum machen das nicht alle Anleitungen?

Gloomhaven

Mit über 50 Seiten nennt sich dieses Werk zu Recht “Regelbuch”. Trotzdem kann man es in etwa einer Stunde lesen und das Spiel danach ohne viel nachschlagen spielen. Das ist ziemlich beeindruckend.
Auch wenn man mal etwas nachschlagen muss, findet man es dank sehr detailliertem Inhaltsverzeichnis und der Übersicht auf der letzten Seite fast immer sofort.

Die Alchemisten

Dieses Regelheft werde ich hier im Blog noch oft erwähnen, einfach weil es so humorvoll geschrieben ist. Das gilt zwar für die meisten Spiele des Publishers Czech Games Edition, aber dieses Regelwerk ist zusätzlich auch sehr übersichtlich und vermittelt das Spiel (immerhin Komplexität 3.88 bei BoardGameGeek) sehr verständlich.

Mit diesen drei Lesetipps der etwas anderen Art beende ich diesen sowieso schon viel zu langen Artikel und gebe den Startschuss für noch viel mehr Text in der Zukunft.

Und für den Fall, dass sich irgendwer außer meinen Eltern, meinem Partner und zwei oder drei Freundinnen hier auf die Seite verirrt: Erzähl mir doch in den Kommentaren, was dir in Spielregeln wichtig ist und welche du gerne gelesen hast.

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