Nicht nur Wortspiele

Review: Red7

Während der Kontaktbeschränkungen (für alle, die das in der Zukunft lesen: 2020 war ein seltsames Jahr…) haben mir die regelmäßigen Spieleabende und die lieben Mitspielerinnen doch sehr gefehlt. Ich habe in dieser Zeit mal wieder gemerkt, was dieses Hobby so besonders macht und warum ich mir keinen Spieleabend entgehen lasse: Um zu gewinnen.

Bei Red 7 macht man genau das die ganze Zeit.

Name: Red7
Designer: Carl Chudyk, Chris Cieslik
Verlag: Asmadi Games

Spielerinnen: 2-4
Spieldauer: 5-30 min
Erschienen: 20140801

Wir müssen über Farben reden

Bevor wir uns allerdings ans Gewinnen machen können, muss ich eine Sache loswerden, die mich an diesem Spiel ungemein stört.

Die 49 Karten dieses Spiels verfügen über je zwei Dimensionen mit je 7 möglichen Werten. Zum einen hat jede Karte eine Zahl von 1 bis 7. Und zum anderen eine der 7 Regenbogenfarben. Insgesamt gibt es also jede Karte genau einmal.

Über diese zwei Werte sind die Farben in einer Hierarchie geordnet. Zunächst wird nach der Zahl gesehen, denn höhere Zahlen sind besser als niedrige. Die 7 ist besser als die 6. So weit, so gut.

Wenn aber zwei Karten die gleiche Zahl haben, dann wird auf die Farbe gesehen. Dem Spiel liegt eine Farbskala bei, nach der die Farben bewertet werden. Rot ist besser als Orange. Grün ist besser als Blau.

Aber hier ist Carl Chudyk und Chris Cieslik, den Designern des Spiels, ein elementarer Fehler unterlaufen, den ich fast nicht glauben konnte, als ich das Spiel das erste Mal spielte: Lila, ganz klar die einzige und ewige Königin der Farben, ist auf dem letzten Platz und ihre Thronfolgerin Rosa ist in der Farbskala nichtmal vorhanden (ok, das ist wohl vor allem ein Fehler des Regenbogens…). Blau ist in Red7 besser als Lila. Orange ist besser als Lila. Sogar Gelb ist besser als Lila.

Mir ist wirklich nicht ganz klar, wie so etwas passieren kann.

Die Karte des Anstoßes. Unten rechts siehst du meinen Schatten, den ich in üblicher Professionalität beim Fotografieren übersehen habe.

Aber ok, belassen wir es dabei und widmen uns wieder dem Thema vom Anfang: Dem Gewinnen.

Wie bitte gewinnt man jede Runde?

Gewinnen ist bei Red7 gar nicht so schwer, wie du vielleicht glaubst. Zumindest nicht am Anfang. Jede Spielerin startet mit 7 Karten auf der Hand. Außerdem bekommt jede Spielerin vor sich eine offene Karte in die eigene Auslage (genannt “Palette”). In der Tischmitte befindet sich die Leinwand. Dort steht, ebenfalls auf einer Karte, die Siegbedingung. Zu Beginn steht dort “die höchste Karte gewinnt”.

Wer an der Reihe ist, hat die bereits genannte Aufgabe: Gewinnen. Dafür gibt es mehrere Möglichkeiten. Du darfst eine deiner Handkarten in die eigene Palette spielen und/oder eine Karte auf die Leinwand spielen. Spielst du nur eine Karte in die eigene Palette, dann muss eine der Karten dort die Siegbedingung erfüllen, momentan also höher sein als alle anderen Karten.

Höher ist natürlich, wie oben schon geschrieben, genau definiert. Zunächst über die Zahl und dann über die Farbrangfolge. Die Farbrangfolge, die wahrscheinlich sogar eine Bande betrunkener Labradore besser zusammengestellt hätte. Und ja, ihr lieben Hobby-Zoologinnen, ich weiß, dass Hunde nicht wirklich farbenblind sind und zum Beispiel lila sehr wohl wahrnehmen. Deshalb auch das “betrunken”. Außerdem haben Hunde bekanntermaßen einfach einen schlechten Farbgeschmack.

Alle Karten ordentlich sortiert. Die 7er sind danach direkt wieder in meinem Ärmel verschwunden.

Alternativ kannst du, wie gesagt, auch eine Karte in die Leinwand spielen und damit die Regelen fürs Gewinnen überschreiben. Denn jede Farbe korrespondiert mit einer speziellen Siegbedingung. Höchste Karte ist dir zu blöd? Dann spiele doch eine grüne Karte in die Mitte und schwupp, gewinnt die Palette mit den meisten geraden Zahlen. Oder Violett (gute Wahl!) und es gewinnt die Palette mit den meisten Karten unter 4. Zusätzlich darfst du auch noch eine Karte in deine eigene Palette spielen.

Wenn deine Kartenhand es dir einfach nicht erlaubt zu gewinnen, also du keine Kombination aus Karten ausspielen kannst, mit der du gewinnst, musst du passen und scheidest aus der aktuellen Runde aus.
Sind alle Spielerinnen bis auf eine ausgeschieden, dann ist das Spiel vorbei. Bist du am Ende übrig, hast du also am zuverlässigsten gewonnen, dann äh… gewinnst du.

Aber es ist nicht immer so einfach, wie es hier klingt. Nehmen wir an, du hast eine schöne Reihe an Zahlen von 3 bis 7 auf der Hand und dazu noch ein paar dunkelblaue Karten mit dem Auftrag: Habe die längste Zahlenreihe. Das ist eigentlich perfekt, aber du musst es ja erstmal schaffen, deine ganzen Karten auszuspielen. Schließlich kannst du jede Runde nur eine Karte in deine Palette legen. In der ersten Runde hast du Glück, die Spielerin vor dir hat den Auftrag “Meiste Karten mit unterschiedlichen Farben” gespielt. Du kannst einfach deine orangene 7 zu deiner bereits ausliegenden grünen 4 legen und gewinnst damit.

Aber in der zweiten Runde reicht es dir nicht, einfach eine Karte dazuzulegen, du musst selbst den Auftrag ändern. Deine zwei dunkelblauen Karten bringen dir noch nichts, selbst wenn du eine 6 ausspielst, gewinnst du damit nicht gegen Maries 2,3,4. Also musst du eine andere Lösung finden. Mit der roten 5 wäre es kein Problem, deine 7 ist schließlich die höchste Karte im Spiel. Aber damit machst du dir deine Reihe kaputt. Wenn du die 5 in die Mitte spielst, fehlt sie dir schließlich in deiner Palette. Die 3 auf deiner Hand ist grün und besagt “meiste gerade Karten”. Damit könntest du gewinnen, wenn du die 6 ausspielst. Also tust du das und die erste Kontrahentin muss danach bereits aussteigen. Als du wieder dran bist, kannst du endlich die rote 5 in deine Auslage spielen und hast jetzt die Reihe, die du brauchst, um zu gewinnen. Hoffentlich.

Ok, wie gewinne ich diese Runde?

So oder so ähnlich stellt dich Red7 jede Runde vor ein kleines aber feines Rätsel. Du musst dieses Logik-Puzzle lösen und, wenn es mehrere Lösungen dafür gibt, den Weg wählen, die dir die meisten Optionen für die Zukunft lässt und es deinen Mitspielerinnen möglichst schwer macht. Dieses kleine Puzzle zu knacken fühlt sich unheimlich befriedigend an und macht wohl den großen Reiz dieses Spiels aus.

Aber mir ist das alles zu einfach!

Ok ok, ich muss zugeben, nicht jede wird mit diesem Spiel schon glücklich sein. Manchmal bekommt man am Anfang die Karten ausgeteilt und hat eine Mischung aus 1en, 2en, 3en aber alle in rot, also dem Ziel, die höchste Karte zu besitzen. Dann sieht man direkt: Das wird nichts, mit der Hand habe ich keine Chance. Weil man keine Spielverderberin sein will, macht man aber gute Miene zum bereits verlorenen Spiel, schafft es mit viel Glück zwei Runden zu überleben und scheidet dann wie vorhergesehen aus. Das fühlt sich nicht toll an. Es stört aber auch nicht sonderlich, jede Runde geht schließlich nur ein paar Minuten, dann wird wieder neu gemischt und ausgeteilt.

Aber vielleicht ist dir das ein wenig zu deterministisch. Außerdem fragst du dich vielleicht, wie es sein kann, dass der Entwickler von Innovation und Glory to Rome an diesem Spiel gearbeitet hat und es trotzdem so simpel ist.

Na, mit der Hand kann ich leben.

Ich kann dich beruhigen, denn es gibt gleich zwei Möglichkeiten, dass Spiel komplexer zu machen. Bei Variante 1 darfst du jedes Mal, wenn du eine Karte auf die Leinwand (die Mitte) spielst, eine Karte vom Nachziehstapel ziehen – aber nur, wenn die gespielte Karte höher ist als die Anzahl Karten in deiner Palette. Du hast vier Karten in der Palette? Dann musst du mindestens eine 5 in die Mitte spielen, um nachziehen zu dürfen. Das ist bereits eine interessante Änderung: Die hohen Karten sind tendenziell ja besser für deine Palette. Aber nachziehen ist natürlich immer verlockend, denn jede Karte mehr ist potenziell auch eine Runde, die du länger überlebst.

Die 2. Variante macht das Spiel noch größer, denn es kommt eine weitere Bedeutungsebene für Karten hinzu. Alle ungeraden Karten bekommen einen zusätzlichen Karteneffekt, wenn du sie in deine Palette spielst. Bei einer 3 darfst du eine Karte ziehen, bei einer 5 musst du direkt noch eine Karte spielen. Und so weiter. Auch hier kommt wieder der Kniff von oben zum Einsatz: Niedrige Karten haben die besseren Funktionen, aber höhere Karten sind prinzipiell besser in der Palette. So viele neue, sweete Entscheidungen!

Diese Varianten geben dir auf jeden Fall mehr Kontrolle über das Geschehen. Manchmal ergeben sich dadurch ziemlich gute Spielzüge: Du spielst eine 5 und direkt danach eine 7, mit der du eine andere Karte aus deiner Palette entfernst, diese auf die Leinwand legst und damit die Runde gewinnst. Zack, bam, fertig.

Und eine 3 kannst du selbst in eigentlich schon verlorenen Runden in deine Palette legen, um eine Karte zu ziehen. Mit etwas Glück ist es genau die, die du brauchst um die Runde zu gewinnen.

Das Ende des Regenbogens

Ich mag auch die zwei komplexen Varianten des Spiels, meistens ist mir trotzdem die ganz einfache Variante am liebsten. Red7 ist in meinen Spielerunden meistens der Nachtisch, wenn alle schon ein wenig müde sind und niemand mehr so richtig nachdenken will beim Spielen. Dann passt die einfache Variante perfekt. Jeder kann für sich ein wenig tüfteln und die beste Variante finden, nach 10 Minuten ist es vorbei und alle wollen eigentlich gleich nochmal spielen.

Wenn es zwischendurch doch langweilig wird, kann man sich die Zeit einfach mit Leetspeak vertreiben. (Ja Jannis, dieses Bild ist extra für dich).

Bei den komplizierteren Varianten frage ich mich manchmal: Wann am Spieleabend ist eigentlich der richtige Zeitpunkt dafür. Aber vielleicht tickt da deine Gruppe auch ganz anders.

Jedenfalls: Von mir gibts zwei lila(!) Daumen hoch für das Spiel.

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